Bhikshuni Tenzin Wangmo

Herzlich willkommen!

 

 

 

(Copyright by Bhikshuni Tenzin Wangmo.)

 

Einführung

 

 

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Diese Lebensgeschichte wurde auf Wunsch mir nahestehender Menschen niedergeschrieben und nicht, weil ich denke, ich hätte der Welt etwas zu sagen, was sie nicht schon längst wüßte, oder um irgendeines Gewinnes willen. So entbehrt mein Stil auch der geschliffenen Formulierungen professioneller Schriftsteller.

 

Dann möchte ich anmerken, daß alle meine Erfahrungen mitsamt den Gedanken, die sie auslösten, ganz subjektiv sind und keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit erheben. Andere Menschen wären unter Umständen zu ganz anderen Schlüssen gekommen.

 

Da ich davon überzeugt bin, daß niemand dieses Buch „zufällig“ in die Hände bekommt, wäre ich glücklich, wenn so wenig Menschen wie möglich Anstoß an mir und diesem Buch nehmen, aber so viele Menschen wie möglich Inspiration erfahren für ihren eigenen Weg!

 

Mögen alle Wesen auf spirituelle Freunde treffen, Verwirklichung erlangen und ihre Absicht ausführen: sich selbst und anderen zu nützen!

 

München im Jahr 2004,

 

Bhikshuni Tenzin Wangmo

 

 

 

Leseprobe

 

"Ich mußte mich weiter informieren; in der „Autobiographie eines Yogi“ steckten unheimlich viele Hinweise. Hinweise, die es Stück für Stück nachzuprüfen galt. In meinem Kopf hämmerten die ungelösten Fragen und ließen mir keine Ruhe.Eines aber war mir im Herzen bereits klar: Wie auch die Antworten aussehen mochten, der Weg des Lebens war der Weg zu dieser letztendlichen Realität, mochte man sie „Selbstverwirklichung“, „Vereinigung mit Gott“ oder sonstwie nennen.

 

„Du meditierst zuviel, vergiß die Fragen, geh unter junge Leute und lebe!“, schrieb mir Frau Kühn. Das war wohl gut gemeint, aber ein Leben ohne darüber nachzudenken „warum?“ und „wozu?“, ohne es wenigstens zu versuchen, Sinn und Zweck zu erkennen, schien mir ganz und gar sinnlos. Selbst wenn ich gewollt hätte, wäre es mir nicht möglich gewesen, die Gedanken, die sich beständig um diese Fragen drehten, wegzuschieben.

 

Augen und Ohren hielt ich weit offen. Ich las alles, was sich mit diesem Thema beschäftigte. Ich wollte die Aussagen der Religionen kennenlernen und kaufte die Bagavadgita, die heilige Schrift Indiens. Sie beeindruckte und begeisterte mich tief. Ganze Kapitel daraus lernte ich auswendig.

 

Es entgingen mir auch die unscheinbaren Artikel nicht, die ab und zu in der Zeitung standen. Von kleinen Kindern war da die Rede. Kinder in Brasilien und auch in Italien, die steif und fest behaupteten, schon einmal gelebt zu haben. Die sich angeblich erinnern konnten und unbekannte Orte und Menschen wiedererkannten. Anscheinend machte sich trotzdem niemand besonders Gedanken darüber. Das verwunderte mich. Konnte man so etwas hören und dann mit den Schultern zucken? Konnte man das einfach unter den Teppich kehren, nur weil es unbequem war? Ich jedenfalls beschloß, diese Dinge weiter zu verfolgen.

 

Was die Wiedergeburt betraf, so schien sie die Antwort auf verschiedene Fragen zu sein. Es gab viele Argumente dafür, und eine solche Annahme kam meiner Meinung nach der Wahrheit am nächsten. Zudem schloß das einen Gott keineswegs aus. Über die Kirchengeschichte fehlte mir Information. Es hatte mich aber sehr überrascht zu lesen, daß die Wiedergeburtslehre zu Zeiten Jesu wohlbekannt war und erst im zweiten Konzil von Konstantinopel zum Irrglauben erklärt wurde. Angeblich, weil sie den Menschen zu viel Zeit lasse, sich um die Erlösung zu bemühen. Aus welchen Gründen auch immer das geschah, jedenfalls hat die so verkürzte Zeit nicht dazu geführt, daß die Menschen sich intensiver um die Erlösung kümmern, im Gegenteil: Die meisten meinen nun, dieses „einzige“ Leben in vollen Zügen auskostenzu müssen. – Weil Papier aber geduldig ist, wollte ich mich trotzdem vergewissern und tatsächlich: Ich fand die Stellen in den vier Evangelien, die eine durchaus deutliche Sprache sprechen.

 

Ich las das Tao Te King und den Koran, Schriften von Rabindranath Tagore und Emerson, einiges über Buddhismus und einen Abriß über die verschiedensten Religionen in dem Buch „Die Söhne Gottes“ von Gustav Mensching. Wo immer über Gott oder über den Sinn des Lebens gesprochen wurde, war ich anzutreffen. Predigte jemand auf der Straße, blieb ich stehen und hörte zu. Gesprächspartner waren mir stets willkommen. Die fand ich unter allen religiösen Gruppierungen. Unter denSiebten-Tages-Adventisten genauso wie unter den Mormonen, den Zeugen Jehovas oder östlichen Richtungen. Manches Mal besuchte ich deren Zusammenkünfte.

 

An viele schöne und inspirierende Unterhaltungen entsinne ich mich. Auch an eine, in der eine Frau wohl Mitgefühl mit meiner Suche, meinem verzweifelten Fragen hatte und mir die folgenden Sätze übersandte: „Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen. Versuche, die Fragen selbst lieb zu haben, wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache geschrieben sind. Trachte auch nicht nach den Antworten, wenn du sie nicht leben kannst. Und es handelt sich darum, alles zu leben. Lebe jetzt die Fragen, vielleicht lebst du dann ohne es zu merken in die Antwort hinein.“ (vermutlich von Rilke)

 

Heute, dreißig Jahre später, kann ich sagen, daß ich tatsächlich unmerklich in manche Antwort hineingelebt habe.

 

Die Botschaft, die aus all der Lektüre und den Religionsgemeinschaften zu mir herüberkam, das fühlte ich, war stets die gleiche, mochte sie auch noch so unterschiedlich verpackt sein: Entwicklung von Liebe, Mitgefühl und Selbstbeherrschung. Rückkehr zu dem, was wir nostalgisch „Tugend“ nennen. – Schon damals, genauso wie heute, empfand ich die Universalität einer ewigen Wahrheit.Das Herz aller Religionen ist eins! Und so sollte einmal der zukünftige Titel eines Buches von S.H. dem Dalai Lama lauten.

 

Wer aber hatte nun recht? Jede Gemeinschaft behauptete, ihr Weg zu Gott sei der einzig richtige und blickte auf alle anderen herab. Jede sagte, ihr Gott sei der einzig wahre. Einige konnten mir wirklich gravierende Verfälschungen in manchen Bibelübersetzungen nachweisen. Trotzdem blieb ich unsicher.Je länger das dauerte, umsomehr geriet ich ins Schwitzen. Ich mußte den richtigen Weg finden, aber wie? Manchmal befielen mich über den Zweifeln regelrechte Ängste.

 

In Waging besuchte ich ab und zu eine ehemalige Schulschwester. Bei unserer letzten Begegnung vor ihrem Tod, als ich mich an der Haustür verabschiedete, zwischen Tür und Angel, sagte ich noch: „Wissen Sie, obwohl ich Gott suche und ein reines Leben führen will, werde ich doch zur Hölle fahren, weil ich den richtigen Gott nicht finden kann!“ Worauf sie in einem Ton, der meine Zweifel und Ängste für immer und für alle Zukunft vernichtete, erwiderte: „Das ist unmöglich! Wer Gott wirklich sucht, fährt nicht zur Hölle!“

 

Unnötig zu sagen, daß ich ihr dafür bis heute danke! Denn durch sie konnte ich nun, unbelästigt von Ängsten, in Ruhe meiner Wege gehen.

 

Ich fühlte mich als „Universalist“, anerkannte und respektierte die verschiedenen Wege gleichermaßen. Das hinderte mich daran, einer Konfession beizutreten und dann zu sagen, alle anderen seien falsch. In dieser Zeit fühlte ich mich durch und durch als Yogi, der durch Hingabe Vereinigung mit Gott sucht.

 

Bei der Post hatte ich mich eingearbeitet. Ein halbes Jahr später wurde ich pünktlich in die nächsthöhere Gehaltsstufe eingruppiert. Und nach den jährlich stattfindenden Tarifverhandlungen der Gewerkschaften erhöhte sich mein Lohn automatisch. Es war sehr bequem, und ich brauchte niemanden mehr um eine Gehaltsaufbesserung zu bitten. Diese Sicherheit war es wohl auch, die mich völlig vergessen ließ, daß ich eigentlich nur ein Jahr hatte bleiben wollen. Mehr als mir damals unvorstellbare fünfundzwanzig Jahre sollten es letztendlich werden.

 

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Die Zeit ließ sich nicht anhalten. Schließlich kam der Abend – dieser Abend! Frau Kühn, Jeany & Co., meine Karatetrainerin, viele Freunde und Bodybuilderkollegen saßen wartend im Publikum, als ich mich im Hintergrund bereitmachte. Schließlich ertönte die Ansage, mein Name wurde genannt, und ich betrat das erste Mal in meinem Leben eine hellerleuchtete Bühne, während sich vom überfüllten Saal aus Hunderte von Augenpaaren auf mich richteten. Ich schlotterte, und mein Herz raste – trotz aller mentalen Vorbereitung.

 

Nachdem ich meine Position in der Mitte der Bühne eingenommen hatte, setzten die mir inzwischen schon so vertrauten Paukenschläge meiner Musik ein, und ich begann mit der Darstellung. Diesmal flossen die Bewegungen harmonisch ineinander, ohne Pause bis zum Schlußakkord. Noch eine letzte Verbeugung, ein letzter Paukenschlag, dann brandete der Applaus auf. Ein Applaus, der nur mir und meiner Leistung galt. Es war geschafft! Ich hatte es geschafft! Eine riesige Welle der Freude und Erleichterung erfaßte mich. Die konnte ich auch im Gesicht des Studiobesitzers sehen, als er mir auf der Bühne, unter dem Klatschen der Leute, meinen Pokal überreichte. Der erste Pokal meines Lebens! Unter allen, die ich noch bekommen sollte, würde er für immer einen besonderen Platz einnehmen.

 

Langsam löste sich die immense Anspannung, unter der ich so lange gestanden hatte. Ich setzte mich im Trainingsanzug an den reservierten Tisch zu meinen Freunden, die mir begeistert und in Mitfreude auf die Schultern klopften. Ich konnte es nicht fassen – es war vorüber und alles war gut gegangen! Während die Freude blieb, legte sich nach einer Weile mein Herzrasen, und ich genoß es, mit den anderen den weiteren Verlauf des spannenden Wettkampfes zu verfolgen.

 

Nun schaute ich zuversichtlich meinem Auftritt in Duisburg entgegen. Nur wenige Tage trennten mich noch von ihm. Die vergingen schnell. Schon befand ich mich wieder in einer Garderobe, um mich vorzubereiten. Diesmal aber nicht allein: Die sich lebhaft unterhaltenden jungen Frauen würden meine Mitbewerberinnen sein. Da ich niemanden kannte und meine Konzentration nicht stören lassen wollte, begab ich mich nach kurzem Gruß in eine Ecke und begann, mich um- bzw. auszuziehen. Als die letzten verhüllenden Kleidungstücke fielen und ich nur noch im Bikini dastand, breitete sich plötzlich spannungsgeladene Stille in der Garderobe aus. Obwohl zur Mauer gewendet, spürte ich doch die sprachlosen Blicke der Mädchen in meinem Rücken. Die ausgeprägte Muskulatur, die von der sommerlichen Bräune noch unterstrichen wurde, war wohl nicht zu übersehen. Außerdem ahnten sie anscheinend, daß sich hier Ungewöhnliches, gemessen an den zu jener Zeit geltenden Maßstäben der Schönheitskonkurrenzen, abspielen sollte.

 

Ich ließ mich nicht irritieren. Die Veranstaltung hatte begonnen. Aus dem gleich neben der Garderobe liegenden Saal konnte man die Ansage und das Klatschen der Leute deutlich vernehmen. Eine Schöne nach der anderen verließ den Umkleideraum in Richtung Bühne. Nach einiger Zeit wurde auch mein Name aufgerufen. Einige Stufen zur Bühne hinauf und schon stand ich im gleißenden Scheinwerferlicht. Ein Licht, das die Muskeln meines dezent eingeölten Körpers durch Reflexionen besonders ausdrucksvoll zur Geltung brachte. Die mir aus der Garderobe schon bekannte, spannungsgeladene Stille breitete sich urplötzlich auch in dem großen Saal aus. Da stand eine junge Frau nicht in Stöckelschuhen, sondern barfuß und mit muskulösem Körper auf der Bühne! Ich fühlte, wie sich die Augen aller erstaunt, überrascht und erwartungsvoll auf mich richteten. Die Schläge meines Herzens standen den Paukenschlägen der einsetzenden Musik um nichts nach, als ich die Kür begann. Bereits nach wenigen Bewegungen war allen Anwesenden klar, daß ich auf einer Schönheitskonkurrenz eine Bodybuildingshow zeigte.

 

Kaum hatte ich richtig angefangen, da begann das Publikum, unvermittelt und unerwartet zu klatschen. Das war in München nicht so gewesen. Ich fühlte deutlich die Begeisterung der Menschen über meinen ungewöhnlichen Auftritt, und diese Begeisterung erfaßte mich ebenfalls. Pose um Pose nahm ich ein, die Anstrengung nicht spürend, die es kostete, alle Muskelfasern des ganzen Körpers bei jeder Bewegung anzuspannen und keine Partie auch nur eine Sekunde zu vergessen. Der teilweise frenetische Beifall des Publikums trug mich hinweg. Er begleitete mich bis zum Ende der Kür. Ich war überglücklich: Dem Beifall nach zu urteilen, mußte das mein Sieg im Wettkampf sein!

 

Die ausnahmslos aus Männern bestehende Jury war anderer Meinung. Ich wurde gar nicht in die Wertung aufgenommen, man drückte mir lediglich eine Teilnehmerurkunde in die Hand. Auf meine berechtigte Frage hin konnten aber auch sie nicht verleugnen, daß die Leute auf meine Darbietung mit dem meisten Applaus reagiert hatten. Der Wertungsverlauf und die Jury enttäuschten mich. Aber das Wissen um die Begeisterung der Menschen, die mir zugejubelt und mir damit den ersten Platz zugewiesen hatten, tröstete mich darüber hinweg.

 

Im Münchner Fitness-Studio wartete man nach meiner Rückkehr gespannt auf meinen Bericht. Die Zeit des Frauenbodybuildings und damit noch weitere Wettkämpfe würden kommen, damit richtete mich die Tänzerin auf. Es begann wieder der vertraute Trainingsalltag mit unbestimmtem Zeitziel.

 

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„Denkst du eigentlich nie an was anderes?“ fragte mich aus dem Nichts heraus meine mir noch freundschaftlich verbundene ehemalige Karatetrainerin eines Tages mit barschem Unterton. Es nervte sie, das wurde später offensichtlich, daß unsere Gespräche, wie immer sie auch begonnen haben mochten, mit steter Regelmäßigkeit auf die existentiellen Lebensfragen zurückkamen. Mir war das gar nicht aufgefallen! Obwohl mich ihr Ton verletzte, dachte ich später über ihre Frage nach und begann, mich zu beobachteten.

 

Es stimmte, meine Gedanken kreisten wirklich von morgens bis abends, tagaus-tagein immer um dieselben Themen. Um das „Warum, Woher“ und „Weshalb“ des Lebens, über „Gott“ und die „Welt“. Sie hatte recht. Ich dachte kaum an etwas anderes. Diese Tatsache machte mich aber nicht traurig, im Gegenteil: sie freute mich! Brachte sie mir doch eine gewisse Verwurzelung im Spirituellen zum Bewußtsein, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte, die ich jedoch gut fand. Das, was mir als Ärgernis vorwurfsvoll entgegengehalten wurde, wandelte sich für mich zur Freude. Trotz der Ratlosigkeit, in die ich angesichts meiner Abgründe gefallen war, drehten sich meine Gedanken doch immer noch um dieselben Fragen.

 

Was die Abgründe betraf, so hatte ich viel darüber nachgedacht und mich gefragt, wie es denn kommt, daß wir uns nach dem Himmel sehnen und dabei die Hölle in uns tragen. Die Abgründe konnte ich nicht auf einen Schlag vernichten oder hinwegreden. Ich mußte mit ihnen einstweilen leben. Das hindert mich ja nicht, im Bewußtsein ihrer Existenz ein waches Auge auf sie zu haben und gleichzeitig meine ganze Aufmerksamkeit und Kraft auf die Entwicklung meiner positiven Eigenschaften zu richten, dachte ich. Ich nahm mir vor, im Alltag viel achtsamer zu sein, um jene Handlungen zu vermeiden, die mir jetzt die Schamröte ins Gesicht trieben. Ich wußte, daß ich mit einem kleinen Teelöffel vor einem Berg stand, den es abzubauen galt: dem Berg meiner unguten Eigenschaften! So lange ich auch wartete, irgendwann würde ich ja doch anfangen müssen. Immerzu auf die Größe des Berges zu starren, entmutigte und lähmte nur meine Kräfte, also schloß ich die Augen vor dem, was sich da vor mir auftürmte und fing an zu graben...

 

Manchmal kamen mir Sätze aus Büchern zu Hilfe: Jede gute Tat ist ein Stein, der den Abgrund füllt. So wird auch der größte Abgrund eines Tages gefüllt. Es war also gar nicht völlig hoffnungslos und vergeblich, wie es sich mir anfangs dargestellt hatte. Und man konnte Abgründe, solange sie existierten, auch umgehen! Ich beschloß, die schiefen Wege der Unwahrhaftigkeit in jedweder Form aufzugeben und mein Leben zu reinigen. All das war leichter gesagt als getan, und noch oft verstrickte ich mich, oder ließ mich in die Netze des Alltags verstricken, die für andere als völlig „normal“ gelten. Aber nun waren meine Augen offen, jetzt sah ich schon früher die Fallen, in die man so leicht und gedankenlos tappt. So gelang mir nun öfter, sie zu vermeiden.

 

Es gab nur wenige positive Eigenschaften, die ich an mir zu erkennen vermochte, um den Hebel zu meiner Weiterentwicklung anzusetzen. Hilfsbereitschaft, Liebe und Mitgefühl mit den Leidenden konnte ich vielleicht mein eigen nennen. Also arbeitete ich daran, die Eigenschaften, die ich bei mir wahrnehmen konnte, zur Blüte zu bringen, während die anderen langsam wachsen würden. Es war mir völlig klar, daß ich (noch) nicht alle Menschen lieben konnte. Aber wo ich lieben konnte, wo es richtig und gut war zu lieben, dort wollte ich es auch ganz und vorbehaltlos tun. Ich mußte mich freimachen von der Furcht, der andere würde meine Liebe nicht verstehen. Ich wollte die Krämerseele des Tauschhandels ablegen, die da sagt: „Wenn du mich liebst, liebe ich dich auch, aber wenn du mich nicht mehr liebst, dann liebe ich dich auch nicht mehr“. Mochten die anderen doch denken, was sie wollten. Mein Lächeln sollte jedenfalls nicht länger abhängig von der Miene des anderen sein und mein Frieden nicht auf der Zunge meines Gegenübers liegen.

 

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Manchmal kam Tenzin Yönten Päldzom nach München, um einen weiteren tibetischen Lehrer – Dr. Panglung Rinpoche – aufzusuchen. Bei diesen Gelegenheiten besuchte sie auch mich. Überglücklich sah ich dann wahrhaftig eine buddhistische Nonne bei mir auf dem Sofa sitzen! Meine Wonne kannte keine Grenzen. Bei einem gemeinsamen Essen in München geschah es dann, daß sie mich fragte: „Und wie steht es mit Dir? Wolltest du nicht auch schon immer diesen Weg gehen?“ Damit hatte sie recht. Sie kannte mich und meine spirituellen Wünsche gut. Doch ich winkte ab: „Das Thema ist für mich abgeschlossen. Inzwischen befinde ich mich in einer völlig anderen Lebenssituation. Und zudem habe ich in den Jahren durch Selbsterkenntnis eingesehen, daß ich nicht die Qualitäten mitbringe, die für ein solches Leben notwendig sind. Meine Fehler würden die Robe beschmutzen und auf den ganzen Sangha zurückfallen. Bevor das passiert, bleibe ich lieber, was ich bin“.

 

„Wenn du warten willst, bis du perfekt bist, wird das nie etwas. Wir sind alle noch auf dem Weg, unsere Unzulänglichkeiten abzulegen“, entkräftete sie meinen Einwand. Aber ich hatte noch ein weiteres Argument: „Außerdem würde ich nie wagen, Rinpoche danach zu fragen. Denn wenn er antwortet ‚Dafür sind Sie nicht geeignet’ würde ich vor Scham über meine Selbstüberschätzung im Erdboden versinken!“ „Überleg es dir noch mal“, meinte Tenzin Yönten abschließend. Aber was gab es da schon zu überlegen?

 

Es lief viel Wasser die Isar hinunter, bis wir wieder eines Tages beim Essen beisammen saßen. „Übrigens habe ich Rinpoche gefragt, wen aus unserer Runde er noch ordinieren würde. Da hat er deinen Namen genannt“ eröffnete sie mir nebenbei. Ich verschluckte mich fast an meinem Bissen! „Das hat er gesagt??“ würgte ich ungläubig hervor. Mir blieb vor Staunen der Mund offenstehen. „Du brauchst nur noch hinzugehen und ‚Ja’ zu sagen! Vielleicht überdenkst du dies Angebot noch einmal“ lächelte sie mich freundlich an. Das tat ich tatsächlich, obwohl mir das Thema seit Jahren längst erledigt schien. Genaugenommen ging mir unser Gespräch nicht mehr aus dem Kopf. Das kann nicht dein Ernst sein, dachte ich bei mir. Du hast ein Fitness-Studio am Halse hängen. Zudem wäre es äußerst ungeschickt, kurz vor der Unkündbarkeit die Arbeit bei der Post zu verlassen. Es schien unmöglich, ja lächerlich, sich überhaupt einem einzigen solchen Gedanken hinzugeben. Nein, zwecklos, vergiß es, es ist zu spät! Doch so leicht ließ sich das nicht abschütteln. Tenzin Yönten holte anscheinend weiterhin im Hintergrund Informationen von Rinpoche ein. Jedenfalls erklärte sie mir, ich könne durchaus noch im Beruf bleiben, da technisches Zeichnen keine unheilsame Tätigkeit sei. Außerdem sei es in Europa nicht üblich, auf Almosengang zu gehen. Von irgend etwas müsse ich ja leben.

 

Allmählich formierte sich ein Mosaiksteinchen nach dem anderen. Und unmerklich schlich sich eine gewisse Ernsthaftigkeit in meine Überlegungen ein. Hatte ich mir nicht immer gewünscht, das Leben einer Ordinierten zu führen? War mir die von Buddha selbst gegründete Gemeinschaft nicht schon lange als besonders realitätsnah erschienen? Weder der Selbstkasteiung noch der Welt der Sinne ergeben, zeigte Buddha den mittleren Weg, der auch mir begehbar schien. Es gab kein Gehorsamsgelübde, das mißbraucht werden konnte. Außerdem konnte man die Robe, falls man sich doch überfordert fühlte, in allen Ehren zurückgeben und in den Laienstand zurückkehren. Ich brauchte nicht plötzlich sämtliche Brücken hinter mir abzubrechen. Brücken, über die ich unter Umständen noch einmal würde gehen müssen, falls es nicht klappen sollte. Konnte es eine bessere Möglichkeit geben, langsam ins monastische Leben hineinzuwachsen? Eine noch größere Chance als diese würde es nicht geben. Sie wurde mir auf dem Silbertablett angeboten! Hatte ich nicht ein Leben lang genau darauf gewartet? Waren meine ganzen Tätigkeiten, inklusive Studio, nicht immer nur „Nebenbeschäftigungen“ gewesen? Nebenbeschäftigungen insofern, als sich mein Leben einzig und allein nur um eines gedreht hatte: das geistige Erwachen!

 

Der Gedanke, das Fitness-Studio zu verkaufen, fiel mir nicht sonderlich schwer. Elisabeth Frost hatte zwar stets steif und fest behauptet, ich würde niemals loslassen können, aber ich kannte mich besser. Ich freute mich durchaus an den Dingen, die das Leben angenehm machten, doch war ich keineswegs von ihnen besessen. Mir war immer klar, daß ich alles wie eine heiße Kartoffel fallen lassen würde, sollte ein Ruf an mich ergehen.

 

In den Jahren hatte ich zweifellos einiges gelernt. Man brauchte Mut dazu, sich von den Meinungen anderer zu lösen und sich den Luxus des eigenen Denkens zu leisten. Es brauchte Mut, standhaft zu bleiben, wenn die Mitmenschen einen mit spöttischem Ausdruck als „edel, hilfreich und gut“ belächelten. Einen einsamen Weg war ich gegangen. Ähnlich der Anweisung aus buddhistischen Schriften, dem Nashorn Sutta (Suttanipata 1.3.13): „Laßt uns den Erwerb von Freunden preisen, ehren hoch den Freund, der uns versteht, den edlen! Findet man ihn nicht: auf mindere verzichtend, wandre wie das Nashorn man alleine.“

 

Ich sah ein, daß eine Welt, deren Gesetz Vergänglichkeit ist, kein dauerhaftes Glück zu schenken vermag. Es ist eine Welt, die viel verspricht und nichts hält. Sie kann nicht geben, was sie nicht hat. Und das Begehren nach dem auf den Sinnen beruhenden, kurzen weltlichen „Glück“ schien mir auch nur eine Funktion zu erfüllen: mich an die Welt, den Kreislauf der Wiedergeburten zu fesseln und in der Täuschung festzuhalten! Mit einem simplen Trick wurde ich meiner Freiheit und des unvergänglichen Glücks, das ich bereits hatte aufleuchten sehen, beraubt. Das ähnelte einer Methode, mit der man in Afrika Affen fängt: Es wird eine Banane in einen Behälter gelegt. Die Öffnung des Gefäßes ist nur so groß, daß der Affe mit der geöffneten Hand zwar hineinkommt, nicht aber mit der um die Frucht geschlossenen Faust wieder heraus. Seine Unfähigkeit, das Objekt loszulassen, macht ihn zum Opfer. Er wird das Opfer seines eigenen Begehrens, dem es nicht möglich ist, über die Sinne hinauszugehen. Er kann nicht loslassen – obwohl das Loslassen einer einzigen Banane ihm das höhere Gut der Freiheit bescheren würde, in der er noch tausend Bananen finden würde.

 

Genauso narrt und täuscht das Verlangen nach den vergänglichen „Freuden“ dieser Welt und das Hängen an ihnen auch die Menschen. Freuden, von denen der Buddha zu Recht sagte, daß sie kein wirkliches Wohlbefinden seien. Er verglich sie stattdessen mit dem angenehmen Gefühl der kurzen Erleichterung, die ein kranker, von Juckreiz geplagter Mensch empfindet, wenn er sich blutig kratzt, obwohl sich sein Leiden dadurch noch verschlimmert. Ein scheinbares Wohlbefinden: Der Gesunde würde schreien, kratzte man ihn blutig! Besser als alles Kratzen ist es aber, wenn es einen gar nicht mehr juckt! Die diese Täuschung verursachende Krankheit, an der wir leiden, nannte der Buddha „Weltsucht“. Denn der Süchtige greift auch dann noch nach der Droge, wenn er weiß, daß sie ihm den Tod bringen wird. Der Buddha sagte damit nicht, daß es kein Glück in dieser Welt gäbe, aber: „Erst wenn ihr die Schönheit seht, werdet ihr wissen, was wirklich schön ist!“ Das hatte ich gesehen, zumindest einen Teil davon...

 

Mein eigenes Anhaften ließ mich an der Welt des Leidens kleben und daran festhalten. Das war es, was mich zur Gefangenen machte, mich fesselte und im Gefängnis verharren ließ. Trotz besseren Wissens gaukelte mir die Hoffnung vor, irgendwann, irgendwo würde ich in dieser Welt, einer tauben, hohlen Nuß, mein Glück schon finden. Wie lange wollte ich mich noch zum Narren halten und mir unbemerkt wertvolle Zeit stehlen lassen? Wertvolle Zeit, die verstrich, ohne daß ich sie nutzte, um mich aus den Fesseln der Täuschung zu befreien. Am Ende würde ich mit leeren Händen und unerfüllter Hoffnung enttäuscht sterben! Als mir eines Tages plötzlich in aller Deutlichkeit vor Augen stand, wohin mich die Illusion zu führen im Begriff war – sie würde mich im Tode reuevoll zurückblicken lassen! – packte mich der Zorn: Da holte ich aus und mit einem einzigen Schlag hieb ich das Bild der nicht weichenwollenden, trügerischen Hoffnung mit dem Schwert der Unterscheidungskraft endgültig entzwei! Diesem so lieblich vor mir glänzenden, mich in meinen Untergang führenden Trugbild, diesen leeren Versprechungen würde ich nicht länger auf den Leim gehen. Mit Resignation vor dem Leben hatte das aber nichts zu tun. Das war der Tag, an dem ich mich entschloß, alles abzulegen und den Weg zur Reinheit noch konsequenter zu gehen. Einen Weg zu meinem eigenen Nutzen sowie zu dem aller anderen. Einen Weg, den niemand ging, wenn ich ihn nicht ging: meinen Weg!